{"id":452,"date":"2017-06-29T17:55:21","date_gmt":"2017-06-29T21:55:21","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.bu.edu\/mzank\/?p=452"},"modified":"2017-06-29T17:58:56","modified_gmt":"2017-06-29T21:58:56","slug":"15-mai-nachtrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.bu.edu\/mzank\/2017\/06\/29\/15-mai-nachtrag\/","title":{"rendered":"15. Mai, Nachtrag"},"content":{"rendered":"<p>Im Telekommunikationsmuseum auf der La Zanja (n\u00e4he Chinator; Chinesen stellten einen statistisch zu Buche schlagenden Anteil an der vor-revolution\u00e4ren Bev\u00f6lkerung Kubas dar) gab es eine Etecsa Verkaufsstelle, wo wir eine Telefonkarte f\u00fcr unser indisches Telefon erwerben konnten. Die Karte ist gut f\u00fcr fast ein Jahr, viel l\u00e4nger als wir sie brauchen. Ein gutaussehender dunkelh\u00e4utiger Mann mittleren Alters mit Fahrradtaxi (<em>bici<\/em>) \u2013 muskul\u00f6s, kenntnisreich, und rednerisch begabt \u2013 bot an, uns die Stadt zu zeigen. Wir unterhielten uns eine Weile, lehnten schlie\u00dflich dankend ab, schrieben aber f\u00fcr alle F\u00e4lle seinen Namen und seine Adresse auf. Vielleicht nehmen wir ihn sp\u00e4ter noch in Anspruch. (Dazu kam es nicht.)<\/p>\n<p>Gestern sind wir noch viel und lange gelaufen: Habana Vieja, Malecon, Vedado. Am Ende nahmen wir ein Taxi nach Hause, einen himmelblauen Bel Air, ca. 1956, mit Dieselmotor und wer wei\u00df was f\u00fcr einem Fahrgestell. Die Federung dieser alten Stra\u00dfenkreuzer besteht oft nur aus purer Einbildung und Fensterheber dienen oft nur zur Zier. Die T\u00fcren l\u00e4sst man am besten von den Fahrern \u00f6ffnen und schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Unterwegs nach Alt-Havanna setzten wir uns in einem Park in der N\u00e4he des Vorzeigehotels Inglaterra und dem <em>Palacio <\/em>f\u00fcr einen Moment in den Schatten. Dort sprach uns ein \u00e4lteres Ehepaar freundlich an, die sich als Zeugen Jehovas vorstellten. Der Herr verwickelte Miriam in ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Kanada, das er wohl fr\u00fcher gelegentlich besucht hatte. Dann bat er uns um einen Kugelschreiber (<em>boli, <\/em>kurz f\u00fcr <em>boligrafo<\/em>) f\u00fcr seine Frau, weil doch gerade Muttertag sei. Die Dame sa\u00df daneben und l\u00e4chelte charmant. Ich holte einen Stift aus dem Rucksack, aber er wollte gerne noch einen zweiten, f\u00fcr sich selbst. Wir hatten schon vorher davon geh\u00f6rt, dass es Sinn mache, Kugelschreiber und mechanische Bleistifte mitzubringen. Kleine aber hier schlecht zu bekommene Gegenst\u00e4nde lassen sich gut tauschen und verkaufen. Ein so trivialer Gegenstand des t\u00e4glichen Lebens wie ein Gasfeuerzeug aus Plastik wird hier nicht etwa weg geworfen, wenn es leer ist, sondern nachgef\u00fcllt und gegebenenfalls repariert, auch wenn das vom Hersteller so nicht vorgesehen ist.<\/p>\n<p>In Alt-Havanna hatte man uns die Mojitos in der Bodegita del Medio empfohlen. Die Aussicht auf das Getr\u00e4nk trieb uns voran. Vor der Bodegita fanden wir eine gro\u00dfe Ansammlung von Touristen. Die Bar ist ber\u00fchmt wegen Hemingway, der \u00fcberall in Kuba bekannt ist und wegen seiner Sympathie f\u00fcr Kuba und die Revolution zum Inventar der ubiquit\u00e4ren Propaganda geh\u00f6rt. Die Zeit scheint hier wie stehengeblieben.<\/p>\n<p>Wir schauten uns im Barraum um, zu dem uns ein riesenhafter Rausschmei\u00dfer den Weg gewiesen hatte. Eine Musikgruppe machte gerade Pause, w\u00e4hrend der Barmann eine Reihe von Mojitos zubereitete und etliche eisgek\u00fchlte Bierflaschen aus einem altmodisch holzget\u00e4felten K\u00fchlschrank holte. Das machte uns Lust auf Bier, wozu wir Hemingway nicht brauchten. Wir machten uns auf die Suche nach einer weniger \u00fcberlaufenen und besser bel\u00fcfteten Gastst\u00e4tte, die wir nach einigem Herumgelaufe im Caf\u00e9 Paris fanden. Dorthin zogen uns die Kl\u00e4nge einer ersten von unz\u00e4hligen Buena Vista <em>cover bands<\/em>. Miriam bestellte den obligatorischen Mojito und ich eine Cerveza El Presidente; importiert, denn das einheimische Crystal war ihnen ausgegangen. Wir tranken beide von beidem und freuten uns auf die Musik. Die Musiker machten\u00a0 zun\u00e4chst eine Pause. Nach einer Weile ging es noch einmal los. Gute Stimmung. Die Kellner in ihren <em>Guayaveras <\/em>sangen mit. Ein begeisterter Kubaner, dunkelh\u00e4utig, arm und betrunken, sang von der T\u00fcr aus begeistert mit. Dem setzte ein h\u00fchnenhafter Rausschmei\u00dfer ein Ende. Wir h\u00f6rten noch ein wenig zu und brachen dann auf, zur\u00fcck zum Quartier. Der angek\u00fcndigte Regen brach erst los als wir dort ankamen. Zeit zum Ausruhen.<\/p>\n<p>Wir zogen nach f\u00fcnf wieder los, genossen den Sonnenuntergang am Malecon, wo wir lange einem Paar von Pelikanen zusahen, die sich abwechselnd auf ihre w\u00e4ssrige Beute st\u00fcrzten und dann wieder eine Weile ihre Federn in der Sonne trockneten. <a href=\"\/mzank\/files\/2017\/06\/IMG_4211.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"\/mzank\/files\/2017\/06\/IMG_4211.jpg\" alt=\"IMG_4211\" class=\"aligncenter size-full wp-image-457\" width=\"192\" height=\"256\" \/><\/a> Wir suchten nach einem Restaurant in Vedado, das uns jemand empfohlen hatte. Gato Prieto war jedoch geschlossen. Das machte nichts, denn wir hatten noch eine andere Empfehlung, am anderen Ende von Vedado und wir hatten unser Telefon. Zur Orientierung benutzten wir \u201eMaps.me\u201c, eine gro\u00dfartige Erfindung, die uns auch ohne Internet auf dem Stadtplan ortet und das uns schon in Indien das Zurechtfinden erleichtert hatte. Mit dem Telefonieren klappte es nicht gleich, aber ein paar freundliche junge Leute halfen uns aus. Das half auch unserer Laune, denn mittlerweile war es halb acht und wir hatten lange nichts gegessen und der Weg zum El Cocinero war betr\u00e4chtlich. Wir gingen die Calle 13 bis ans andere Ende, eine Distanz von ungef\u00e4hr f\u00fcnfundzwanzig <em>quadras <\/em>oder Querstra\u00dfen, die uns durch ein elegantes Villenviertel f\u00fchrte, in der sich auch die mit Stacheldraht gesicherte Residenz des deutschen Botschafters befand. El Cocinero ist in einem umgebauten Fabrikgeb\u00e4ude untergebracht. Wir warteten geduldig, bis wir an die Reihe kamen, um hineingelassen und bewirtet zu werden. Nachdem der erste Durst gestillt war, sahen wir uns genauer um. Das Restaurant ist elegant, blitzsauber und modern gestaltet, das Essen nicht besonders teuer und z. T. sehr gut. Zum Beispiel fiel bei den Rippchen das saftige Fleisch nur so von den Knochen. Aber die ganze Sache h\u00e4tte auch in Los Angeles oder Miami sein k\u00f6nnen. Es fehlte das kubanische Flair. Im Stil generisch, international. Ges\u00e4ttigt, m\u00fcde und trotzdem zufrieden fuhren wir aus dem eleganten Vedado gegen Mitternacht in jenem Bel Air zur\u00fcck ins heruntergekommene Zentral-Havanna. Die Nacht war laut und schw\u00fcl. Gegen\u00fcber von unserem Balkon auf der Calle Lealtad hatte jemand den Fernseher auf Nachbarschaftsnervlautst\u00e4rke gedreht und schaute sich mehrfach einen alten amerikanischen <em>film noir <\/em>an, in dem die sp\u00e4tromantisch angehauchte Filmmusik omin\u00f6s Todessehnsucht suggerierte und das erotische Atmen der Hauptdarstellerin sich wiederholt in einer Kadenz von Angstschreien entlud. Das letzte Mal, dass mich diese Sequenz aufweckte war gegen 2:45. Miriam schlief \u00fcberhaupt nicht. Manchmal stand sie am Balkon und zeichnete, manchmal lag sie im G\u00e4stebett und las, manchmal war sie \u00fcberhaupt nicht im Zimmer. Es war das Zahnweh, das ihr den Schlaf raubte; eine lange Geschichte, die trotz Behandlungen in Kerala und Boston offenbar noch nicht zu Ende ist.) So endete der erste und begann der zweite Tag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Telekommunikationsmuseum auf der La Zanja (n\u00e4he Chinator; Chinesen stellten einen statistisch zu Buche schlagenden Anteil an der vor-revolution\u00e4ren Bev\u00f6lkerung Kubas dar) gab es eine Etecsa Verkaufsstelle, wo wir eine Telefonkarte f\u00fcr unser indisches Telefon erwerben konnten. Die Karte ist gut f\u00fcr fast ein Jahr, viel l\u00e4nger als wir sie brauchen. 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