{"id":606,"date":"2017-07-02T10:28:13","date_gmt":"2017-07-02T14:28:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.bu.edu\/mzank\/?p=606"},"modified":"2017-07-02T10:33:29","modified_gmt":"2017-07-02T14:33:29","slug":"merkwurdiger-besuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.bu.edu\/mzank\/2017\/07\/02\/merkwurdiger-besuch\/","title":{"rendered":"Merkw\u00fcrdiger Besuch"},"content":{"rendered":"<p>Mittwoch, 24. Mai, kurz nach zehn Uhr morgens<\/p>\n<p>Wir hatten gerade Besuch. Eines meiner Vorhaben hier in Kuba ist es, mit der hiesigen j\u00fcdischen Gemeinde aufzunehmen. Jos\u00e9 Portuondo, unser kubanisch-amerikanischer Berater aus Boston, der uns auch die Herberge von Katya und Maikel empfohlen hatte, rief hier an um uns eine Telefonnummer durchzugeben, unter der der <em>templo judio<\/em> in Santa Clara zu erreichen sei. Die Nummer war nicht mehr aktuell. Anstelle der j\u00fcdischen Gemeinde meldete sich ein Privatmensch, der behauptete, er wisse von nichts. Maikel zeigte mir auf der Karte, wo der <em>templo<\/em> zu finden sei, und gestern nachmittag lief ich dorthin und fand problemlos das kleine Haus mit dem Davidstern und Buntglasfenstern auf der 1era Calle, <em>reparto<\/em> La Vig\u00eda. Die T\u00fcr war zu.<\/p>\n<div id=\"attachment614\" style=\"width: 266px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"\/mzank\/files\/2017\/07\/IMG_4655.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment614\" loading=\"lazy\" src=\"\/mzank\/files\/2017\/07\/IMG_4655.jpg\" alt=\"Synagoge in Santa Clara, rpto. La Vig\u00eda.\" class=\"size-full wp-image-614\" width=\"256\" height=\"192\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment614\" class=\"wp-caption-text\">Synagoge in Santa Clara, rpto. La Vig\u00eda.<\/p><\/div>\n<p>Es hatte gerade f\u00fcrchterlich gesch\u00fcttet und andere T\u00fcren in der Nachbarschaft waren auch zu. Ich klopfte am Nachbarhaus. Dort \u00f6ffnete nach einer Weile eine alte Dame die T\u00fcr. Ich fragte sie in meinem radegebrochenen Spanisch, ob sie w\u00fcsste, wer hier in der Nachbarschaft mit der Synagoge in Verbindung stehe. Sie meinte, ich sollte die Stra\u00dfe hinauf und dann rechts fragen. Dort sei eine j\u00fcdische Person. Ich ging die n\u00e4chste Stra\u00dfe rechts und fragte eine Dame, die dabei war, Regenwasser vom Eingang wegzuputzen. Sie nannte mir den Namen &#8220;Tache&#8221; und wies mich in dieselbe Richtung wie die alte Dame. Ich fragte noch zweimal und landete schlie\u00dflich vor dem richtigen Haus. Inzwischen hatte ich herausgefunden, dass Herr Tache Mediziner war. Seine Schwester kam zur Balkont\u00fcr, kam dann herab und \u00f6ffnete mir die Haust\u00fcr nachdem ich so ungef\u00e4hr erkl\u00e4rt hatte, was ich wollte. Ihr Bruder sei Pr\u00e4sident der j\u00fcdischen Gemeinde in Santa Clara aber er wohne nicht hier und seine Telefonnummer k\u00f6nne sie mir nicht geben. Sie nahm aber meinen Namen und die Nummer des G\u00e4stehauses entgegen und versprach ihren Bruder zu verst\u00e4ndigen. Der werde sich dann bei uns melden.<\/p>\n<div id=\"attachment613\" style=\"width: 202px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"\/mzank\/files\/2017\/07\/IMG_4654.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment613\" loading=\"lazy\" src=\"\/mzank\/files\/2017\/07\/IMG_4654.jpg\" alt=\"IMG_4654\" class=\"wp-image-613 size-full\" width=\"192\" height=\"256\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment613\" class=\"wp-caption-text\">Casa Dr. Tache.<\/p><\/div>\n<p>So war es auch. Scheinbar hatte er gestern noch hier angerufen und bei Maikel nachgefragt, wer wir seien und was wir wollten. Er fragte dann, ob wir etwas mit Jos\u00e9 Portuondo zu tun h\u00e4tten. Als Maikel dies best\u00e4tigte, muss er sich wohl gleich unfreundlich ge\u00e4u\u00dfert haben, so im Sinne von \u201eAuch das noch!\u201c Maikel erz\u00e4hlte uns davon erst sp\u00e4ter. Heute morgen also sa\u00df ich hier unten im Atrium und las Fackenheim, da kam Herr Dr. Tache, ein etwas dickleibiger Herr um die Sechzig mit gelbem Polohemd, Brille und Umh\u00e4ngetasche. Wir stellten uns einander vor, Miriam kam dazu, ich sagte, sie k\u00f6nne Spanisch, ich leider nicht, und wir setzten uns an den Tisch. Bevor ich noch irgendetwas sagen konnte hatte er in Richtung Miriam bereits die Pr\u00fcfungsfragen gestellt, von deren Antworten es abhing, ob er weiter etwas mit uns zu tun haben wollte.<\/p>\n<p>Die erste Gretchenfrage, von der die Richtung des folgenden Gespr\u00e4chs abhing, lautete, ob wir mit einer j\u00fcdischen Gemeinde verbunden seien. Dadurch wollte er zun\u00e4chst feststellen, ob wir j\u00fcdisch sind Als Miriam ehrlich antworten wollte, nein, unterbrach ich und sagte ja, mit einer rekonstruktionistischen Gemeinde. Das war, trotz Miriams ungl\u00e4ubigen Blick, nur ein wenig geflunkert, da wir fr\u00fcher einer solchen angeh\u00f6rt hatten, und ich wusste, dass es unserem Gegen\u00fcber nicht um Einzelheiten ging. Das ging also noch in Ordnung. Die n\u00e4chste Frage lautete: Wie haltet ihrs mit Israel? Diesmal antwortete Miriam ohne von mir unterbrochen zu werden und es entspann sich eine kurze aber heftige Diskussion. Miriam merkte zu sp\u00e4t, dass sie unserem Gespr\u00e4chspartner ins Messer gelaufen war. Er wollte uns als miese unpatriotische Juden \u201eouten\u201c, denn als solche hatte er uns schon deshalb eingeordnet, weil wir, wie er bereits wusste, mit Jos\u00e9 befreundet waren. Jedenfalls stand Dr. Tache, nachdem er sich von unserem Mangel an j\u00fcdischem Solidargef\u00fchl \u00fcberzeugt hatte, auf und ging mit dem Urteil, er wolle mit uns nichts zu tun haben. Das war\u2019s. Miriam und Sr. Tache standen auf und stampften in unterschiedlichen Richtungen davon, sie ver\u00e4rgert nach oben, um sich von dieser v\u00f6llig unvorhergesehenen Attacke zu erholen, und er theatralisch zum Ausgang. Ich blieb ohne ein Wort gesagt zu haben sprachlos am Tisch zur\u00fcck. Das wars. Kein Kontakt mit der j\u00fcdischen Gemeinde f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Katya erkl\u00e4rte uns sp\u00e4ter, dass er mit Jos\u00e9 \u00e4hnlich verfahren war. Als Maikel den Gemeindepr\u00e4sidenten nach einem gleicherma\u00dfen misslungenen Gespr\u00e4ch hinausbegleitete, meinte Tache noch, \u201e<em>un rabbino maricon?<\/em> Sein Vater w\u00fcrde sich im Grab umdrehen.&#8221;<\/p>\n<p>Weshalb die Feindlichkeit? War es Jos\u00e9s unverhohlene Homosexualit\u00e4t die ihn anwiderte und gegen ihn einnahm? Oder f\u00fchlt der gute Mann, dass Jos\u00e9s Interesse am Wiederaufbau der j\u00fcdischen Gemeinde in Kuba seine Privilegien bedroht? Wieso nimmt er Miriams kritische Einstellung zur israelischen Regierungspolitik als Rechtfertigung, uns den Kontakt zur j\u00fcdischen Gemeinde von Santa Clara vorzuenthalten. Er war offensichtlich schon gegen uns voreingenommen und kam nur vorbei, um seine Vorurteile gegen uns zu best\u00e4tigen. Kein netter Mann, meinte Maikel abschlie\u00dfend. Wom\u00f6glich auch paranoid. Unter der \u00e4lteren Generation der regimetreuen Kubaner herrscht immer noch Angst vor amerikanischen Spionen. Ein Eindruck von der ideologischen Abschottung, die den Touristen sonst vorenthalten wird. Wir erhielten sp\u00e4ter, in Santiago de Cuba, einen besseren Eindruck von der hiesigen j\u00fcdischen Gemeinde. Die mi\u00dflungene Begegnung mit Dr. Tache blieb, abgesehen vom miesen Essen, unser einziges negatives Kubaerlebnis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, 24. Mai, kurz nach zehn Uhr morgens Wir hatten gerade Besuch. Eines meiner Vorhaben hier in Kuba ist es, mit der hiesigen j\u00fcdischen Gemeinde aufzunehmen. 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