Trinidad in Santo Spiritus

[Sonntag 4. Juni, La Boca bei Trinidad, Santo Spiritus]

Historic Trinidad, a UNESCO world heritage site.

Historic Trinidad, a UNESCO world heritage site.

Letzten Dienstag fuhren wir nach Trinidad. Dort war unser Sohn mit seinem Patenonkel Tomás Anfang Januar gewesen. Sie fanden damals fast keinen Raum in einer der vielen Herbergen In der Nebensaison hatten wir keinerlei Schwierigkeiten dieserart. Unsere von Katya empfohlene Herbergsmutter Theresa, eine gestrenge Hausherrin, holte uns vom Busbahnhof ab. Sie hatte einen Träger mit Karre angeheuert, auf unsere Kosten, die er uns erst bei der Ankunft mitteilte. Zu teuer, wie wir fanden. Erst später wurde uns klar, dass in Trinidad alles etwas teurer ist als sonstwo. Die Stadt lebt vom Tourismus.

Laundry drying under the mango tree of our casa in Trinidad.

Laundry drying under the mango tree of our casa in Trinidad.

Theresa und Rodolfo, ein fast erblindeter aber stolzer und aktiver ehemaliger Tierarzt, leben in einem alten kolonialen Anwesen auf der Piro Guinart, eine der Hauptdurchgangsstraßen, ganz in der Nähe des Viazul Bahnhofs und nur Schritte von der Kopfstein gepflasterten Altstadt. Dieses von der UNESCO anerkannte Weltkulturerbe hatte das Glück, dass der Aufschwung des Landes, der auf den Unabhängigkeitskrieg folgte, an ihm vorbei ging. So blieb die koloniale Architektur erhalten. Lange vernachlässigt, wurde Trinidad zur ersten Tourismusmonopole der speziellen Ära, die auf den Zusammenbruch der Sowjetunion folgte. Die heute nur müde drei bis vier Sterne aufweisenden Ressorthotels entlang der Landzunge von Ancon waren der erste Versuch des Landes, mit den schon lange etablierten Zentren des internationalen Karibiktourismus zu konkurrieren. Wenn im wesentlich eleganteren und bekannteren Varadero heute die Strände von Orkanen weg gespült werden, wird der weiße Sand aus Ancon dorthin gekarrt, wo er nötiger gebraucht wird. Varadero hat sonst nichts Trinidad Vergleichbares aufzubieten. Weitere Attraktionen: Topes de Collantes, ein touristisch erschlossenes Wandergebiet in der Sierra del Escambray und die ehemalige Goldmine Kubas, will sagen, was von der Zuckerrohrproduktion noch übrig ist und einem in einem Tal östlich von Trinidad beispielhaft und touristisch erschlossen vorgeführt wird. Ebenso interessant, aber nicht touristisch entschlossen, ist die Tatsache, dass in den vielen natürlichen Erdhöhlen des karstigen Mittelgebirges geheime Waffen- und Munitionslager der kubanischen Armee untergebracht sind. Weshalb wir das wissen, darf ich leider nicht sagen. Ein Bekannter aus Trinidad hat es uns erzählt, der seine Wehrpflicht gleich hier in der Nähe damit verbracht hat, auf diese Waffenlager aufzupassen. Will sagen, er hat sein Pflichtjahr damit verbracht, so viel wie möglich heimlich zu lesen.

IMG_4782 IMG_4788 IMG_4789 IMG_4791 IMG_4798Nach zwei heißen Nächten in Trinidad wechselten wir nach La Boca, einer alten Fischersiedlung, heute ein proletarischer Badeort für einheimische Familien, die ab Freitag Abend Trinidad den Rücken kehren und so viel Zeit wie möglich am Strand verbringen. Wir hatten uns in Trinidad Fahrräder ausgeliehen und waren nach La Boca geradelt, auf der Suche nach möglichen casas particulares, von denen es hier etliche gibt, auf der Suche nach Badestränden und um Korallenbänke zu betauchen. Wir fanden alles ohne Probleme. Erst badeten wir direkt am Ort, dann radelten wir weiter bis La Batea. Dort liehen wir Flossen, Tauchermasken und Schnorchel aus und verbrachten mehrere Stunden in der Korallenlandschaft direkt am Ufer der Karibik, die einen atemberaubenden Artenreichtum von tropischen Fischen und Seeigeln bereithielt. Wir bekamen dort auch etwas zu essen und beobachteten später wie eine Gruppe von jungen neureichen Kubanern stark angetrunken mit ihren Bierflaschen im Wasser herumstolperten. Sie fragten uns, ob es sich lohne, hier zu tauchen. Bei unserem ersten Treffen mit unserem neuen trinitarischen Freund hatte er von diesem Phänomen gesprochen. Das Erziehungswesen gehe aufgrund der Unterbezahlung der Lehrer kaputt. Die junge Generation habe keine Achtung vor ihren Lehrern. Jeder mag nur an sich raffen, was er kann. Für Politik interessiere sich niemand. Eine konsumsüchtige Generation, die wenig zu konsumieren findet und umso großkotziger mit dem auftrumpft, was sie hat. Genauso schien es mir. Miriam war anderer Ansicht. Sie hatte Sympathie für die Leute und kam mit ihnen ins Gespräch. Sie seien eigentlich ganz nett.

IMG_4793Am nächsten Tag zogen wir nach La Boca um. Von Trinidad hatten wir irgendwie genug gesehen, obwohl wir eigentlich nichts gesehen hatten. Wir hatten eine Unterkunft gefunden, die uns gefiel, obwohl der junge, gut Englisch sprechende Hausherr arrogant und unangenehm wirkte. Die Angestellte war umso netter. Von der Familie hatte sonst niemand besonders mit uns zu tun. Am Tag unserer Ankunft hatte die zweijährige Tochter Geburtstag. Es gab einen Riesenkuchen und Besuch. Wir waren nicht eingeladen. Vom Kuchen war nachher nichts mehr übrig. Das Zimmer war groß, privat im Obergeschoß mit Balkon nach vorne und hinten. Insofern nicht schlecht. Teuer war es auch und es schien uns im Nachhinein, dass die Familie die Wohnung nur deshalb an Gäste vermietet, weil sie sich dadurch eine Haushaltshilfe erlauben konnte. Die ganze Sache war irgendwie undurchsichtig. Ich war den nächsten Tag krank und blieb im Bett. Den Abend zuvor hatte ich lange an meinem Jerusalembuch herumkorrigiert und dabei zu viel Rum getrunken. Miriam musste alleine schnorcheln.

IMG_4810 IMG_4853 IMG_4874Gestern wurden wir dann von unserem neuen Freund und einem Fahrer, den er organisiert hatte, abgeholt, um in den Topes de Collantes zu wandern. Sie halfen uns zunächst beim Umzug in eine andere Herberge in La Boca. Danach ging’s hinauf in die Berge. Dort gefiel es uns wie erwartet gut. Wir hatten vorher schon im Internet nach Unterkunft in den Bergen gesucht. Auf dem Weg sahen wir den üblichen blauen Anker und hielten an, um uns die Bleibe anzusehen. Ein bisschen muffig, aber erschwinglich und direkt in den Bergen. Vielleicht nächstes Mal.

Der erste Teil des Parks (Guanayara) war zwar nicht besonders aufregend aber trotzdem lehrreich. Die Kaffeeplantagen erinnerten uns an Kerala. Ebenso wie die hier überall reifenden Mangos kamen der Kaffee, die Bananen, die man, bis die Touristen kamen, nur platanos genannt hatte, und wer weiß was noch für Pflanzen und Tiere von anderswo. Die menschlichen Ureinwohner, die auch von anderswo gekommen waren, hielten in kleinen Gruppen in den Wäldern nahe Baracoa noch bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts aus, dann vermischten sich die Reste mit wem auch immer. Zwischendurch hörten wir das merkwürdige Gurren des Nationalvogels Tocororo, sahen aber sonst keine Spur seines blau-weiß-roten Gefieders. Unsere ortskundigen Freunde hielten unterwegs an, damit wir die weiße Nationalblume Mariposa riechen und bewundern konnten, von der es heißt, dass Frauen sie während des Unabhängigkeitskrieges im Haar trugen, um ihren kriegsgefangenen Vätern, Brüdern und Söhnen heimlich Nachrichten zu zuspielen. Das große Thema der Gegend von Trinidad ist die Trockenheit. Auch das erinnerte uns an Kerala. Klimaveränderung macht nicht an nationalen Grenzen halt. Die Berge hier sind bräunlich. Dieses Frühjahr mangelte es an Regen. Weil es so trocken ist, produziert die Tageshitze kein Kondensat, das sich am Nachmittag oder gegen Abend ausregnen könnte. Die Flüsse und Seen haben Niedrigwasser. In Trinidad gibt es rationierte Wasserverteilung. Den Leuten mangelt es bereits an Seife. Wenn ihnen nun auch das Wasser ausgeht, langt es auch nicht mehr für den Tourismus.IMG_4871

Der zweite Spaziergang führte uns an den Wasserfall von Las Vegas, den auch unser Ortsfreund noch nicht gesehen hatte. Abstieg und Wiederaufstieg hatten es in sich, aber es lohnte sich. Das Wasser teilt sich trotz des ungewöhnlich geringen Volumens in zwei elegante Linien und stürzt mittig in ein tiefes Becken. Die Szene hätte kein Gartengestalter besser anlegen können. Wir schwammen im kühlen Teich, erkundeten die kleine Höhle hinter dem Wasserfall und beobachteten Eidechsen auf der Balz.

Im Auto warteten platanos, frutas de mamay und warmes Bier. Wir hielten am Ausschank einer Kaffeeplantage. Das Unternehmen blüht. Die äußerst netten Leute verkaufen ihren sorgsam handverlesenen Arabica Kaffee für teures Geld als „cristal de la montaña“ ausschließlich nach Japan. Überhaupt werde der kubanische Kaffee exportiert. Was einem in Kuba gewöhnlich serviert werde, sei billiger Import aus Brasilien. Wir kosteten vom örtlichen Produkt. Nicht schlecht.IMG_4849

Das war gestern. Heute war Miriam krank. Schlimmer als ich vor zwei Tagen. So radelte ich allein zum Hotel Ancon um für morgen eine Tauchstunde zu reservieren. Hätte man doch auch telefonisch machen können, oder? Nein, durchaus nicht. Wir hatten dort mehrfach direkt und zuletzt heute Morgen über die Hotelvermittlung angerufen, aber niemand hatte sich gemeldet. Daher der Entschluss, die Sache selbst in Augenschein zu nehmen und, wenn möglich, eine Einführungsstunde für uns zu buchen. Ich fand schließlich auch das Tauchzentrum von Ancon, von dessen Existenz wir bereits bei der Vorbereitung unserer Reise aus dem Internet wussten. Tauchen lernen war auf unserer gemeinsamen Wunschliste für Kuba. Zunächst musste ich an den Parkwächtern vorbei, die zum Personal der Coco-Bar gehörte, die ihren Stand direkt neben den Tauchlehrern hatte. Ich könne mein Fahrrad nicht auf den (leeren) Strand mitnehmen, sondern solle es am Eingang festschließen. Kein Problem. Das koste außerdem einen CUC. Wieso, sagte ich und kramte irritiert in meiner Hose. Ich hatte nur einen halben CUC. Nein, das sei nicht genug. Und wie wenn ich das Fahrrad etwas weiter hinten abstellte? Nein, das koste alles einen CUC. Wissen Sie was, sagte ich dann irritiert, ich gehe jetzt in das Tauchzentrum, dort brauche ich genau fünf Minuten, und ich werde nicht einen CUC für nichts ausgeben. Dann ließ ich die Dame und den Herrn stehen, die mich weitäugig ansahen, mich aber nicht aufhielten.

Aus dem Tauchzentrum, einer Hütte mit Schreibtisch und einer ausführlichen Preisliste im Hintergrund, kam laute Musik. Vom Strand kam ein Mann um die vierzig, sportlich, offenbar Tauchlehrer. Sein Name war Igor. Ich verstand jetzt, weshalb niemand ans Telefon gegangen war. Nein, sagte Igor. Das habe nichts mit der Musik zu tun. Sie hätten nämlich gar kein Telefon. Möglicherweise klingelte es im Segelzentrum gegenüber, zu dem sie gehörten, aber da sei niemand. Die Tauchstunde konnte ich problemlos und ohne Vorauszahlung reservieren. Mal sehen wie wir uns morgen fühlen.

Als ich fünf Minuten später mein Fahrrad wieder losmachte, stand die Frau immer noch dort. Sie fragte mich, ob ich aus Trinidad gekommen sei. Nein, aus La Boca, meinte ich und wünschte ihr einen guten Tag.

Santa Clara

In Santa Clara gingen wir wieder regelmäßig spazieren. Hier sind ein paar Bilder.

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Die alte Kathedrale von Santa Clara.

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Fliegender Besenhändler

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Wasserpumpe.

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Stolz auf den alten Transporter.

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Eine spanische Familie, die wir bei Katya und Maikel kennenlernten.

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“Comrades, there is meat.”

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Jose Martí ist überall.

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Auch in Santa Clara gibt es Hausaltäre der Santeria.

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Eine private libreria.

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Die Sängerin Yaima machte uns mit der Singer/Songwriter Szene von Santa Clara bekannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was haben wir sonst die zehn Tagen in Santa Clara getrieben? Die Herberge diente uns als Residenz. Miriam nahm ihr Migrationsprojekt wieder auf und malte in ihrem kleinen Studio. Die Damen, die im Haushalt helfen, interessierten sich und brachten ihr Blumen und erklärten dies und das. Auch später, in Santiago, in Viñales und wieder in Havanna fand Miriam Gelegenheit zum malen und zeichnen.

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Sra. Miladi bei Katya in der Küche.

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Miriam in ihrem kleinen Studio, mit einer der Haushälterinnen von Santa Clara.

Wir begannen auch wie geplant unser Gespräch über Illustrationen für mein Jerusalembuch und sie arbeitete mithilfe einiger Fotographien ein paar Skizzen aus. Das könnte was werden. Ich versuchte mich auf Fackenheim zu konzentrieren, über den ich einen Aufsatz schon im April hätte abliefern sollen, kam aber nicht weit. Stattdessen überarbeitete ich noch einmal fast das ganze Manuskript des Jerusalembuchs, erst im Blick auf Karten und Illustrationen, dann aber auch noch einmal den Text selbst. Erst jetzt habe ich genug Abstand um es kritisch lesen zu können, Sachen zu kürzen, die inzwischen redundant geworden sind oder die nur ablenken und den Fluss der Darstellung stören. Es ist deshalb insgesamt wohl nicht kürzer geworden. Aber vielleicht besser.IMG_4756

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Mit Katya, Maikel und Ulysses am Busbahnhof. Die Familie reiste zum Urlaub nach Camargué und wir fuhren nach Trinidad.

Merkwürdiger Besuch

Mittwoch, 24. Mai, kurz nach zehn Uhr morgens

Wir hatten gerade Besuch. Eines meiner Vorhaben hier in Kuba ist es, mit der hiesigen jüdischen Gemeinde aufzunehmen. José Portuondo, unser kubanisch-amerikanischer Berater aus Boston, der uns auch die Herberge von Katya und Maikel empfohlen hatte, rief hier an um uns eine Telefonnummer durchzugeben, unter der der templo judio in Santa Clara zu erreichen sei. Die Nummer war nicht mehr aktuell. Anstelle der jüdischen Gemeinde meldete sich ein Privatmensch, der behauptete, er wisse von nichts. Maikel zeigte mir auf der Karte, wo der templo zu finden sei, und gestern nachmittag lief ich dorthin und fand problemlos das kleine Haus mit dem Davidstern und Buntglasfenstern auf der 1era Calle, reparto La Vigía. Die Tür war zu.

Synagoge in Santa Clara, rpto. La Vigía.

Synagoge in Santa Clara, rpto. La Vigía.

Es hatte gerade fürchterlich geschüttet und andere Türen in der Nachbarschaft waren auch zu. Ich klopfte am Nachbarhaus. Dort öffnete nach einer Weile eine alte Dame die Tür. Ich fragte sie in meinem radegebrochenen Spanisch, ob sie wüsste, wer hier in der Nachbarschaft mit der Synagoge in Verbindung stehe. Sie meinte, ich sollte die Straße hinauf und dann rechts fragen. Dort sei eine jüdische Person. Ich ging die nächste Straße rechts und fragte eine Dame, die dabei war, Regenwasser vom Eingang wegzuputzen. Sie nannte mir den Namen “Tache” und wies mich in dieselbe Richtung wie die alte Dame. Ich fragte noch zweimal und landete schließlich vor dem richtigen Haus. Inzwischen hatte ich herausgefunden, dass Herr Tache Mediziner war. Seine Schwester kam zur Balkontür, kam dann herab und öffnete mir die Haustür nachdem ich so ungefähr erklärt hatte, was ich wollte. Ihr Bruder sei Präsident der jüdischen Gemeinde in Santa Clara aber er wohne nicht hier und seine Telefonnummer könne sie mir nicht geben. Sie nahm aber meinen Namen und die Nummer des Gästehauses entgegen und versprach ihren Bruder zu verständigen. Der werde sich dann bei uns melden.

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Casa Dr. Tache.

So war es auch. Scheinbar hatte er gestern noch hier angerufen und bei Maikel nachgefragt, wer wir seien und was wir wollten. Er fragte dann, ob wir etwas mit José Portuondo zu tun hätten. Als Maikel dies bestätigte, muss er sich wohl gleich unfreundlich geäußert haben, so im Sinne von „Auch das noch!“ Maikel erzählte uns davon erst später. Heute morgen also saß ich hier unten im Atrium und las Fackenheim, da kam Herr Dr. Tache, ein etwas dickleibiger Herr um die Sechzig mit gelbem Polohemd, Brille und Umhängetasche. Wir stellten uns einander vor, Miriam kam dazu, ich sagte, sie könne Spanisch, ich leider nicht, und wir setzten uns an den Tisch. Bevor ich noch irgendetwas sagen konnte hatte er in Richtung Miriam bereits die Prüfungsfragen gestellt, von deren Antworten es abhing, ob er weiter etwas mit uns zu tun haben wollte.

Die erste Gretchenfrage, von der die Richtung des folgenden Gesprächs abhing, lautete, ob wir mit einer jüdischen Gemeinde verbunden seien. Dadurch wollte er zunächst feststellen, ob wir jüdisch sind Als Miriam ehrlich antworten wollte, nein, unterbrach ich und sagte ja, mit einer rekonstruktionistischen Gemeinde. Das war, trotz Miriams ungläubigen Blick, nur ein wenig geflunkert, da wir früher einer solchen angehört hatten, und ich wusste, dass es unserem Gegenüber nicht um Einzelheiten ging. Das ging also noch in Ordnung. Die nächste Frage lautete: Wie haltet ihrs mit Israel? Diesmal antwortete Miriam ohne von mir unterbrochen zu werden und es entspann sich eine kurze aber heftige Diskussion. Miriam merkte zu spät, dass sie unserem Gesprächspartner ins Messer gelaufen war. Er wollte uns als miese unpatriotische Juden „outen“, denn als solche hatte er uns schon deshalb eingeordnet, weil wir, wie er bereits wusste, mit José befreundet waren. Jedenfalls stand Dr. Tache, nachdem er sich von unserem Mangel an jüdischem Solidargefühl überzeugt hatte, auf und ging mit dem Urteil, er wolle mit uns nichts zu tun haben. Das war’s. Miriam und Sr. Tache standen auf und stampften in unterschiedlichen Richtungen davon, sie verärgert nach oben, um sich von dieser völlig unvorhergesehenen Attacke zu erholen, und er theatralisch zum Ausgang. Ich blieb ohne ein Wort gesagt zu haben sprachlos am Tisch zurück. Das wars. Kein Kontakt mit der jüdischen Gemeinde für uns.

Katya erklärte uns später, dass er mit José ähnlich verfahren war. Als Maikel den Gemeindepräsidenten nach einem gleichermaßen misslungenen Gespräch hinausbegleitete, meinte Tache noch, „un rabbino maricon? Sein Vater würde sich im Grab umdrehen.”

Weshalb die Feindlichkeit? War es Josés unverhohlene Homosexualität die ihn anwiderte und gegen ihn einnahm? Oder fühlt der gute Mann, dass Josés Interesse am Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in Kuba seine Privilegien bedroht? Wieso nimmt er Miriams kritische Einstellung zur israelischen Regierungspolitik als Rechtfertigung, uns den Kontakt zur jüdischen Gemeinde von Santa Clara vorzuenthalten. Er war offensichtlich schon gegen uns voreingenommen und kam nur vorbei, um seine Vorurteile gegen uns zu bestätigen. Kein netter Mann, meinte Maikel abschließend. Womöglich auch paranoid. Unter der älteren Generation der regimetreuen Kubaner herrscht immer noch Angst vor amerikanischen Spionen. Ein Eindruck von der ideologischen Abschottung, die den Touristen sonst vorenthalten wird. Wir erhielten später, in Santiago de Cuba, einen besseren Eindruck von der hiesigen jüdischen Gemeinde. Die mißlungene Begegnung mit Dr. Tache blieb, abgesehen vom miesen Essen, unser einziges negatives Kubaerlebnis.

Santa Clara, Villa Clara, Hostal Itaca

IMG_4587IMG_4586IMG_4585Sonntag, 21. Mai 2017, 1:10 morgens

Wir sind in Santa Clara, bei Maikel und Katya, im Haus Itaca. Das Haus ist nach oben modernistisch ausgebaut, z. T. noch im Rohbau, ein Kontrast zum kolonialen und etwas heruntergekommenen Stadtbild, das uns am Busbahnhof begrüßt hatte. Dort wurden wir von Taxifahrern bzw. deren Fahrtvermittlern (Taxi! Taxi!) belagert und ein Mensch mit Glubschaugen pries seine casa an, wollte dann aber nicht locker lassen, als wir dankend ablehnten, und rief uns empört die Vorteile seines Gästehauses hinterher. Draußen standen einige der ortstypischen Pferdewagen. Unser Fahrtvermittler bugsierte uns in einen grünen Lada. Es folgte eine rasante Taxifahrt durch enge Straßen (war das eine Prostituierte, die da in der Tür stand?) Sobald wir in Itaca eintraten, war Ruhe. Maikel bereitete uns einen frisch gepressten Mangosaft zu und erklärte uns die Stadtkarte, vergnügt, gastfreundlich und auf Englisch.

Unser Aufenthalt in Santa Clara ist auf zehn Tage angesetzt, damit wir nicht gleich wieder packen müssen. Die Leute am Bahnhof fragten uns, was wir denn so lange hier wollten. Die einzige wirkliche Attraktion des Ortes sei das Mausoleum von Commandante Ché, und das kann man sich in einer Stunde ansehen. Gerade deshalb finden wir Santa Clara gut. Unsere Indienerfahrung hatte uns gezeigt, dass wir wenig Geduld für Städtetourismus haben. Wir hatten es geschafft, drei Monate in Indien zu verbringen ohne das Taj Mahal zu sehen. Wir wollen an diesem etwas abseits gelegenen Ort eine Weile zubringen und unsere Uhr nach unseren eigenen Interessen stellen. Miriam und ich haben vor, über die Illustrationen zu meinem Jerusalembuch nachzudenken. Vielleicht kann sie etwas dazu entwerfen, solange wir hier sind. Außerdem will sie besser Spanisch lernen. Morgen packen wir aus.

Die Türen sind offen. Es weht eine leichte Brise.

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Angekommen.

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Montag, 22. Mai 2017. Kurz nach acht Uhr abends.

Inzwischen sind wir schon zwei Tage an diesem ruhigen Ort

(„es mui tranquilo aqui“), und doch sind unsere Tage immer noch so voll, dass ich mit dem Schreiben nicht hinterher komme. Wir hören und sehen viel, laufen herum, verbringen Zeit in der Herberge, unterhalten uns vor allem mit Katya (Maikel ist meistens beschäftigt, genau wie der vierjährige Sohn, Ulysses) und mit Zufallsbekanntschaften. Wenn Kubaner erst einmal ins Reden kommen, hören sie so schnell nicht wieder auf.

Eine unserer vielen Zufallsbekanntschaften. Dieser Hühne sprach Deutsch und erinnerte sich gerne an seine Zeit in der DDR.

Eine unserer vielen Zufallsbekanntschaften. Dieser Hühne sprach Deutsch und erinnerte sich gerne an seine Zeit in der DDR.

Man darf es hier nicht eilig haben. Zeit brauchten auch unsere wiederholten Versuche, ins Internet zu kommen. Hierzu gehen wir immer wieder zum nahe gelegenen Stadtplatz mit der kleinen Konzertrotunde, der Statue der Erbin und Kulturmäzenin Marta Abreu und dem per Post aus den Vereinigten gelieferten „Jungen mit dem Stiefel“.Für die Arbeit zuhause musste ich plötzlich dringend einen strategischen Text verfassen, den ich heute erfolgreich abschicken konnte. Kurz danach lief meine tarjeta ab. Später gingen wir ins Etecsa Büro und benutzten dort einen Rechner um unsere Email zu lesen. Gestern Abend gab es ein Platzkonzert mit einem Jugendsymphonieorchester, eröffnet mit der kubanischen Nationalhymne. Dazu standen alle auf.

Platzkonzert

Platzkonzert

Ich kam mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der gut Englisch sprach. Seine Frau war dabei, sagte aber nichts. Er ist an die Achtzig, erfolgreicher Geschäftsmann. Ein Sohn ist auf einer medizinischen Mission in Bolivien. Der andere Sohn ist Rettungsflieger bei der Armee. Robert vermittelt für casas particulares am Ort den Zahlungsverkehr aus den USA. Die Kreditkartenzahlungen für Buchungen bei AirBnB laufen über eine Bank in Florida, gehen dann über Panama und landen dann bei einem Mittelsmann wie Robert, der offenbar gute Verbindungen hat. Haus Itaca kennt er. Dort will er morgen zur Abrechnung vorbei kommen. Als das Konzert zu Ende ging, lud uns Robert zu einem Eiskrem ein. Wir nahmen dankend an.

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Miriams Mini-Studio auf der Baustelle.

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Ich lese Fackenheim.

 

Heute hat Miriam ihre erste Spanischstunde bei Katya. Inzwischen hat sie hier in einem der noch unfertigen Zimmer ein kleines Studio eingerichtet und mit dem Zeichnen begonnen. Auch hier finden wir auf unseren Spaziergängen wieder Samenträger, Blüten und andere organische und anorganische Gegenstände, die denen ähneln, die Miriam in Indien gefunden und gezeichnet hat. Auch hier die Hinweise auf Migration von Menschen, Pflanzen, und Tieren. Von den Touristenschwärmen ganz abgesehen.IMG_4609

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Commandante Ché (“asta la victoria siempre”) ist überall.

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Samstag, 20. Mai 2017

Kurz vor der Weiterfahrt nach Santa Clara. Der Bus fährt um sieben Uhr abends ab. Jetzt ist es halb sechs. Antonio will uns ein Taxi besorgen. Zum Laufen haben wir zu viel Gepäck. Es gibt schon wieder viel nachzutragen. Die Zeit hier war voll kleiner Erlebnisse und Begegnungen.

Der tropische Regen kam gestern wieder und es war wieder ein Ereignis. Diesmal überraschte er uns in der Galeria Taller auf der Álvarez Straße am Nordufer des San Juan Flusses, nicht weit von einer Musikhochschule, einer Druckerei und dem Feuerwehrmuseum. Man erkennt die Werkstatt an einer Gruppe von überlebensgroßen Skulpturen, die gleich gegenüber am Ufer entlang die Promenade zieren.

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Auf die Keramikwerkstatt und auf Manuel, einen ihrer Gründer, hatte uns wiederum Tanya Abraham aufmerksam gemacht, die mit Manuel seit ihrer Kindheit bekannt ist. Manuel war früher ein erfolgreicher Regimekarikaturist. Heute lebt er von Keramik.

Der ehemalige Karikaturist Manuel zeigt Miriam seine selbstgemachten Pinsel.

Der ehemalige Karikaturist Manuel zeigt Miriam seine selbstgemachten Pinsel.

Die Werkstatt ist vor allem den Bemühungen des Bildhauers Osmany Betancourt Falcón, besser bekannt als „Lolo“, zu verdanken, der nach und nach das Gebäude, in dem sie arbeiten, ausbilden und ausstellen, ausgebaut hat. Wir konnten uns von der abenteuerlichen Blechdachkonstruktion ein eigenes Bild machen, als der tropische Nachmittagsregen wieder losbrach. Wir waren gerade dabei, unsere ersten keramischen Gehversuche zu unternehmen. Trotz des hier und dort heruntertropfenden Regens unterbrachen weder die Meister noch ihre Schüler die Arbeit. Unsere Unterhaltung plätscherte munter weiter. Irgendwann hörte es wieder auf und wir setzten unsere Runde fort.

Lolo Betancour und seine Kollegen auf einem "Narrenschiff."

Lolo Betancourt und seine Kollegen auf einem “Narrenschiff.”

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Am Vormittag hatte uns Antonio in der Herberge abgeholt. Ursprünglich sollte es eine Probe seiner Musikgruppe geben, die eine Tanzvorstellung des Balletts begleitet, mit dem er regelmäßig arbeitet. Das Programm war inzwischen kurzfristig geändert worden. Seine Gruppe spielte nicht, aber das Ballett tanzte zwei Stücke für eine Gruppe von Kirchenleuten aus Kanada. Ziel ihrer Reise war es, Gruppen zu unterstützen, die sich für LGBTQ Menschen engagieren. Das erste Stück war konventionell, eine typisch zeitgenössische Choreographie zum Thema Kommunikation. Ich fand es kompetent und schön. Miriam war weniger überzeugt. Neben mir saß eine kleingewachsene Dame, Kubanerin, von der ich zuvor bemerkt hatte, dass sie der Übersetzerin kritisch zugehört hatte, als diese dem Publikum das Konzept der bekannten Choreographin erklärte. Ich fragte sie nun, wie sie das Stück fand. Sie sagte, „I love dance. But please don’t ask me that.“ Mit anderen Worten: Frag mich bloß nicht. Später sprachen wir noch eine Weile. Die Dame arbeitet als Reisefachfrau in Havanna und sie hatte diese Gruppenreise organisiert. Wir sollten uns gerne mit ihr in Verbindung setzen, wenn wir wieder dort sind.

Das zweite Stück stellte spielerisch die Erfahrung der Truppe auf einer Frankreichreise dar. Es hatte viel Humor und verband Elemente von sprachlichem und mimischem Witz mit kritischen Beobachtungen, vor allem zur sexuellen Objektivierung des jungen dunkelhäutigen Mannes aus Sicht westlicher, hellhäutiger Frauen.  IMG_4426 IMG_4427 IMG_4430 IMG_4431 IMG_4432

 

Eine politische Pointe gab es auch. Anfangs, aus Kuba ankommend, trugen die Tänzer Binden über den Augen, wie man sie auf Reisen gebraucht, um ungestört schlafen zu können. Am Ende, die Rückreise darstellend, trugen sie Sonnenbrillen. In beiden Fällen waren sie blind und hilflos auf einander angewiesen. Außergewöhnlich auch, dass in diesem Fall die Choreographin, eine beleibte Dame um die Sechzig, selbst eine Hauptrolle tanzte. Von Marc Morris und Bill T. Jones ist man das gewöhnt. Von Frauen fortgeschrittenen Alters weniger.

Den Höhepunkt der beiden Tage in Matanzas bildeten die Perkussionsstunden mit Antonio und dessen Cousin Yasmino im Hause seiner Mutter, Sra. Ana. Diese war, wie wir erst beim Abschied erfuhren, Mitglied des weltberühmten und Grammy-preisgekrönten Ensembles Los Muñequitos de Matanzas. Erst gestern erhielt sie erneut eine Auszeichnung vom kubanischen Staat. Das Haus der Dame ist reichhaltig mit Heiligenfiguren, Altären und Symbolen der Santeria ausgestattet. Antonio und sein Cousin sind Babalaos, Priester der Santeria. Die Bata Trommeln sind heilige Instrumente. Die Rhythmen rufen nicht nur bestimmte Götter an sondern erzeugen Chango. Die Trommeln sind sein Kopf (Iya), seine Arme (Itotele), und sein Körper (Ommele) und die genau festgelegten Klangmuster flößen ihm das Leben ein. Musik als theurgische Magie. Gestern hatte ich meine erste Stunde. Heute morgen die zweite und einstweilen letzte.

Sra. Ana mit ihrem Grammy.

Sra. Ana mit ihrem Grammy.

Unser erstes Treffen dauerte ungefähr neunzig Minuten, aber ich hatte kein Gefühl vom Verlauf der Zeit. Antonio begann mit einer allgemeinen Einleitung in die Mythologie der Yoruba-Religion, die Götter Westafrikas und deren Beziehung zur antiken Mythologie und der Welt der katholischen Heiligenfiguren mit denen die Orishas identifiziert werden. Die komplizierten Polyrhythmen prägen sich nicht leicht ein. Bis zum Abend hatte ich alles wieder vergessen. Am nächsten Morgen fiel mir das eine oder andere wieder ein und ich kam mir bei der zweiten Stunde nicht mehr ganz so dumm vor.

Antonio, der sich bis zu unserer Abreise sehr um uns kümmerte, gab uns eine Empfehlung an seinen Lehrer in Santiago mit. Dort soll mein Unterricht in foundation drumming weitergehen. Zunächst aber geht es nach Santa Clara, zum Verschnaufen, Innehalten, to catch our breaths.

Bei Rolli und Abel in Cotorro. Wolkenbruch in Matanzas

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Antonio Gonzales, his aunt and cousin, in Matanzas.

Es ist mittlerweile Freitag, der neunzehnte Mai. Wir sind seit gestern in Matanzas, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Wir kamen gestern kurz nach Mittag mit dem Bus hier an. Ein junger dunkelhäutiger Mann mit buckteeth und Sonnenbrille sprach uns an, als wir aus dem Bus stiegen. „Are you Lisa’s friends?“ Ich sagte nein und begab mich auf die Suche nach unserem Gepäck, drei Rucksäcken, die unter etlichen Koffern im Gepäckraum des Busses (made in China) begraben waren. Nachdem wir sie endlich gefunden und herausgezogen hatten, entpuppte sich der junge Mann mit den hervorstehenden Zähnen als Antonio. Er hatte die Namen verwechselt. Und wir hatten uns einen älteren Menschen vorgestellt, nicht jemand Mitte Zwanzig. Er fand uns ein Taxi und fuhr mit zur Herberge, die er für uns gefunden hatte. Die casa particular von Manolo, in der wir ursprünglich absteigen wollten, sei inzwischen schon besetzt gewesen. Als wir bei Louisa Carmen in der Altstadt (Calle 75) ankamen und die Rucksäcke vom Dach des kleinen Fahrzeugs holten bemerkte Miriam, dass am großen Rucksack der Hüftgürtel fehlte. Das war früher schon einmal passiert und bisher waren wir vorsichtig genug gewesen, ihn vor der Gepäckabgabe abzunehmen und sicher zu verstauen. Diesmal hatten wir es vergessen. Miriam fuhr sofort mit Antonio und dem Taxi zurück zum Busbahnhof. Der Bus war zwar schon abgefahren, aber die zuvor etwas ruppige Dame am Schalter erwies sich als hilfreich. Sie rief den Busfahrer an und riet Miriam später wieder vorbeizukommen, da der Bus entweder um drei, fünf oder sieben wieder aus Varadero zurück erwartet werde. Der Gürtel sei gefunden worden und sie könne ihn sich am Schalter abholen. Dies erzählte sie mir als sie von der Aufregung erschöpft in die Herberge zurückkam. Wir plauderten dann noch ein wenig mit Antonio und verabredeten uns für den nächsten Morgen. Dann duschten wir uns und ruhten uns aus. Später rief Miriam bei der Bushaltestelle an und wir gingen schließlich gegen sechs los, um den Sieben-Uhr Bus zu treffen. Wir schafften es auch. Der Bus fuhr ein. Der Fahrer händigte uns den Gürtel aus und wir machten uns glücklich und zufrieden auf den Rückweg. Wir hatten es nun nicht mehr so eilig. In einem Hauseingang bewunderte Miriam einen bunten hausgemachten Fußabstreifer und machte ein Foto davon. Die junge Frau des Hauses wurde neugierig. Miriam fragte, wo diese originelle Handarbeit herkam und die Hausfrau verwies uns auf eine Nachbarin gegenüber. Wir sollten nur an die Haustür klopfen. Anfangs gab es dort keine Reaktion aber die Dame gestikulierte, wir sollten stärker klopfen, die sei schon da. So klopften wir noch einmal. Diesmal öffnete eine ältere untersetzte dunkelhäutige Frau mit hochgesteckten Haaren das Tor. Miriam fragte sie, ob sie noch solche Fußabstreifer habe, wie wir sie gegenüber gesehen hatten. Sie meinte, sie habe keine auf Lager und wie viele wir denn wollten. Miriam sagte, nur einen. Sie meinte, bis Sonntag könne sie uns einen machen. Als Miriam ihr mitteilte, dass wir nur bis Samstag in der Stadt seien, meinte sie, sie könne auch bis Samstag einen Abstreifer für uns anfertigen. So kamen wir ins Geschäft und gingen vergnügt weiter. An der nächsten Cafeteria machten wir halt und bestellten einen Saft. Dann fing es ernsthaft an zu regnen.

Der Regen verwandelte sich in einen Wolkenbruch. Nach kurzer Zeit war die Straße überschwemmt. Fahrzeuge blieben stecken und wir beschlossen, auf unserer kleinen Insel das Ende dieses tropischen Wetterereignisses abzuwarten.

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Nach einer Weile kaufte ich eine kleine Flasche „Havana Club“, was die mit uns wartenden kubanischen Männer (zwei junge und ein älterer) amüsierte. Ich bot ihnen einen Schluck an, aber sie lehnten dankend ab. Miriam hielt mich für unmöglich. Aber der Sache fehlte es nicht an Humor. Wie vertreibt man sich sonst die Zeit auf der Arche Noah? Nach einer Weile hörte es auf zu regnen. Das Flutwasser floss immer noch, aber wir zogen einfach die Sandalen aus und gingen barfuß, wie andere Leute auch. So kamen wir wieder in unseren Stadtteil zurück. Inzwischen war es spät geworden. Wir hatten am frühen Nachmittag noch am Stadtplatz in der Nähe von Louisa Carmens Herberge im San Severin etwas gegessen. Dort wollten wir nicht schon wieder hin, aber alles andere schien uns reizlos und Il Fettucine, das einzige andere uns empfohlene Restaurant war geschlossen. So begnügten wir uns mit ein paar trockenen Brötchen, die wir in einer Bäckerei erstanden. Zum Tagebuch Schreiben in der Herberge gab es noch etwas von der mitgebrachten Schokolade und Rum.

Hier schalte ich vielleicht besser noch einen Nachtrag ein, bevor ich es vergesse. Am Mittwoch waren wir in Havanna von der Infanta aus mit einem Collectivo nach Cotorro gefahren um Rolando und Abel zu besuchen. Wir hatten die Adresse dieses Künstler- und Lebenspaares von Tanya Abraham, deren Mutter Millie eng mit dem fünfundsechzigjährigen „Rolli“ befreundet ist. Abel ist Mitte Vierzig. Cotorro ist eine Vorstadt von Havanna. Die Häuser sind dort viel niedriger und es gibt Bäume und Gärten. Das Taxi setzte uns gegenüber der Polizeistation ab. Um zu Rolando und Abel zu gelangen, mussten wir eine Eisenbahntrasse überqueren. Die Schwellen waren überwuchert. Wie uns einer der drei etwas anrüchigen Mitfahrer im Taxi mitgeteilt hatte, sei man verlassen, wenn man sich auf die Züge in Kuba verließ.

Rolando und Abel’s Haus ist eine kleine Oase. Die Inneneinrichtung geschmackvoll und zum Teil von Abel selbst gemacht oder wieder hergestellt, der Garten voll tropischer Blüten und üppigem Grün. Sie teilen das Haus mit einer über neunzigjährigen Tante, die bettlägerig und pflegebedürftig, geistig aber noch völlig fit ist. Unser Besuch dehnte sich über mehrere Stunden aus. Wir sprachen über alles und nichts, vor allem aber über das Leben in Kuba und über die Arbeiten der beiden Männer, die sich auf die Produktion von Papiermaché-Puppen und Dekorationen spezialisiert haben. Eine Nachbarin hilft bei der Herstellung der Kostüme. Die meisten Arbeiten entstehen im Auftrag von Hotels, tragen also zur staatlichen Tourismusindustrie bei. Daneben gibt es Aufträge aus Mexico und Handarbeitsausstellungen, bei denen die beiden in der Regel gut verkaufen. Nur in den Vereinigten Staaten gab es bislang Verlustgeschäfte, z. T. hauptsächlich aufgrund von Organisations- und Visaproblemen. Ein großer Teil ihres Inventars sitzt z. Zt. unverkauft in einem Lager in Florida bei Rolandos Schwester.

Als Abel sich in der Küche zu schaffen machte, führte uns Rolando in seine Werkstatt und zeigte uns auf dem Computer Fotos von fertigen Arbeiten der beiden. Rollis Spezialität sind berühmte Figuren wie Charlie Chaplin, Don Quixote und, für den mexikanischen Markt, Frieda Kahlo. Weshalb nicht auch Ikonen der kubanischen Revolution wie Fidel Castro oder Commandante Ché, fragte ich naiv? Das sei politische Kunst, davon halten sie sich fern. Andererseits sehen manche eine Ähnlichkeit zwischen Fidel und Rollis Don Quixote. Angefangen hat er mit diesen Figuren fürs Puppentheater. Abel ist ausgebildeter Tänzer. Im Nachhinein fiel mir eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Rolli auf Bildern von früher, mit schwarzen Haaren, und seinem Chaplin auf.

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Miriam wollte wissen, was für Material wir für sie aus den USA besorgen könnten. Was ihnen vor allem fehlt ist der Lack, den man auf dem Markt z. Zt. nicht finde und der als brennbares Material nicht eingeführt werden dürfe. Sie beklagten sich aber nicht. Sie erklärten nur.

Wir aßen gemeinsam ein spätes Mittagessen. Reis mit Huhn, grüne Bohnen und Salat. Abel gab uns sein Geheimrezept für die typisch kubanischen schwarzen Bohnen (moros). Es war uns etwas peinlich hier zu essen, nachdem wir soviel über die schlechte Versorgungslage und den oft absurden Mangel an Grundnahrungsmitteln wie z. B. Kartoffeln gehört hatten. Wie zur Begrüßung gab es zum Abschied noch einmal einen Kaffee. An der Bushaltestelle in der Nähe der Polizeistation fanden wir ein collectivo zurück nach La Habana. Diesmal war es ein Jeep.

Besuch in Santos Suárez

Wieder in der Herberge Los Bertos, in die wir heute morgen wieder zurück gezogen waren. Die Familie des Wohnungsgebers, oder vielleicht bloß Wohnungsmanagers, lebt in Italien. Neben Miami und Florida lebt die größte kubanische Exilsgemeinde angeblich in Milan. Nachdem wir das Gepäck abgestellt hatten, waren wir wieder in die Altstadt gelaufen. Dort hatten wir für Mittag einen Tisch bei der vielgefragten Doña Eutimia vorbestellt. Vorher hatten wir bei dem von Mikael Ringquist in Boston empfohlenen Perkussionslehrer und Babalao Antonio Gonzales in Matanzas angerufen und anschließend im Reisebüro San Cristobal auf der Oficios-Straße Busfahrkarten nach Matanzas gekauft. Ohne die Verbindung mit Antonio hätten wir nicht gewusst, ob es sich für uns lohnt, dort hin zu fahren. Die Dame im Reisebüro meinte, um nach Sta. Clara (unser nächstes Reiseziel, nach Matanzas) zu gelangen, müssten wir über Varadero reisen, Ziel der meisten Ferien- und Kurzreisenden wegen seiner weißen Sandstrände, dem klaren Wasser und den intakten Korallenbänken. Auf den Mittagstisch wartend begegneten wir einem jungen deutschen Paar, das wir schon einmal getroffen hatten. Sie erzählten uns von ihren Erfahrungen in Viñales und Las Terrazas, einer Art Öko-Siedlung westlich von Havanna.

Doña Eutimia war die Reservierung wert. Das Bier kühl, der grüne Mojito angenehm beschwipsend, die Bedienung gut anzusehen. Das Publikum gemischt, d.h. nicht bloß amerikanische und europäische Touristen, die allerdings mehrheitlich die kleinen Tische besetzten. Miriam hatte Fisch, von dem es auf der Speisekarte geheißen hatte, er werde in einer roten Sauce und in Weißwein gekocht. Wir fragten die freundliche Bedienung (Typ: blond und petite), was das hieß. Sie meinte, es handle es sich um Tomatensauce mit einem Schuss Weißwein. Ich bestellte die eingelegten Stücke vom Schwein.

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Miriam meinte später, sie seien ausgetrocknet gewesen, was auch stimmte. Man gesteht sich im Moment des Essens und noch-nicht-bezahlt-Habens, leicht angesäuselt und angesichts der Preise nicht gerne ein, dass das Essen, das man gerade genießt, nur gut und nicht perfekt ist. Dazu gab es Reis und Bohnen. Der Reis war etwas zu körnig, die Bohnen etwa so wie wir sie zuhause zubereiten: mit Zwiebeln, grünem Paprika, Essig und braunem Zucker, nur besser, da nicht aus der Dose. Wie wir später von Abel in Cotorro hörten, sind die schwarzen Bohnen eine Sache des kubanischen Stolzes. Er gab uns sogar sein Geheimrezept preis! Vorspeise: Frittierte Taro Bällchen mit Honig. Nachtisch: Flan.

Gestern hatten wir in der Nähe eine bekannte Druckwerkstätte besucht und dort z. T. sehr nette Arbeiten gesehen. Im kleinen Ausstellungsraum, der nicht mehr als ein Hinterzimmer war, fanden wir eine Serie von humorvollen, spielerisch ausgedachten und gekonnt ausgeführten Radierungen, in denen ein Mensch auf dem Fahrrad auf provisorisch verbundenen Drähten herumfuhr. Mir gefiel das.

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Druckwerkstatt in der Nähe der Kathedrale von Alt-Havanna.

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Vordergründig bunt und heiter, sah ich in den Bildern eine Metapher für die prekäre Lage eines Kubaners in einer Zeit des Übergangs mit ungewissem Ziel. Die politische Zensur zwingt die Künstler zur Hintergründigkeit. Im Eingang der Werkstatt waren monochrome Drucke auf Papier und Gewebe zu sehen, von Gedichten begleitete Bäumrindendrucke und Wellenlandschaften, die vielleicht das Beieinander von Land und See darstellten. Jedenfalls groß und schlicht gestaltet. Eindrucksvoll und ein Vorgeschmack auf die zeitgenössische kubanische Kunst and Kultur, die uns auch anderswo noch begegnete.

Nach dem Essen suchten wir eine Herberge auf, die mir, ich weiß nicht mehr von wem, empfohlen worden war, eine mögliche Unterkunft für später, wenn wir nach Havanna zurück kommen. Auf der Straße hielten wir bei einem kleinem Kaffeeausschank. Dort sprach Miriam eine Dame auf ihre Sandalen an, die ihr aufgefallen waren. Diese meinte, sie habe sie bei einem privaten Handwerker (artesan) auf der Obrapia gekauft, das sei gleich um die Ecke. Wir liefen ohnehin in die Richtung, um noch einmal die Preisliste im Fahrradverleih einzusehen, fanden jedoch weder Schuster noch Schuhgeschäft. Die junge Fahrradmechanikerin (Typ: Frieda Kahlo in Overalls) meinte, es gäbe Handwerker, die ihre Produkte auf einer feria artesanales auf der Obispo anboten. Dort fanden wir auch nicht das Richtige. Wir gingen schließlich in unser Quartier zurück und ruhten eine Stunde. Dann liefen wir die Neptuno in westlicher Richtung bis zur Infanta wo wir ein collectivo nach Santos Suárez nahmen. Ein freundlicher Herr, der bis zur Wende in Berlin gelebt hatte, half uns mit Rat und Tat, sonst hätten wir nicht gewusst, wie viel man für so ein collectivo als Fremder bezahlen soll. Am Ende war es Miriam, die mit dem Fahrer einig wurde.

Santos Suárez ist ein Stadtteil südlich von Centro-Habana. Wir trafen dort den Cousin von Rick Calleha, der aus Santiago de Cuba stammt und bei dem unsere beiden Kinder an der Brookline High School Spanisch gelernt haben. Wir verbrachten etwa zwei Stunden bei seinen Verwandten.

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Selfie auf dem Parkplatz der Plaza de la Revolucion, mit Rick’s Cousin und Cousine in Havanna, aufgenommen bei einem späteren Wiedersehen. Mitte: unsere Tochter Rachel, die die letzten beiden Wochen unseres Kubaaufenthalts mit uns teilte.

Ihre fünfzehnjährige Tochter kam kurz nach Hause und gab allen einen Begrüßungs- und später einen Abschiedskuss. An den Wänden hingen vergrößerte Fotos von ihr aus der Reihe von professionellen quinceañera Bildern, von denen es dann noch mehr im Hochglanzalbum und in einem Fake-Magazine zu bewundern gab; etwas risqué für unseren Geschmack, in der hiesigen Kultur aber völlig unschuldig. Hätte unsere Tochter in dem Alter sicher auch gut gefunden. Das Haus der Familie erkannten wir schon von der Straße. In das schmiedeeiserne Tor war ein Davidstern eingearbeitet. Der Hausherr ist ein fröhlicher und selbstbewußter Jude, seine Frau Konvertitin. Die beiden Töchter sind jüdisch. Der Vater und die jüngere Tochter haben die israelische Staatsbürgerschaft. Er hatte seinerzeit in einer Sonderschule in Ra’anana freiwillig gearbeitet und hat Verwandte in Aschkelon und Beerscheba. Als Kapitän des hiesigen jüdischen Softball-Teams bereitete er sich gerade auf die diesjährige Makkabia vor. Der Trip der Equipe nach Israel wird von amerikanischen Juden finanziert. Amerika ist das Land der Hoffnung, auch für die wenigen Juden Kubas.

Das Gespräch (dazu gab’s Muttertags-Schokoladentorte und, für die Männer, einen tüchtigen Whiskey) drehte sich um die unsicheren Wirtschaftsverhältnisse und den Irrsinn, dass es in einem so fruchtbaren Land an Nahrungsmitteln fehlt. Sie zeigten uns ihr Rationsbuch. Zum von der Regierung festgelegten Preis ist jede Person zu fünf oder sechs Pfund Reis, drei Pfund Bohnen, fünf Eiern, etwas Öl und Salz berechtigt. Nur Zucker und Kaffee gebe es genug. Insgesamt zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Wasser und Elektrizität seien angeblich kostenlos. Andere, die wir später fragten, waren anderer Meinung. Trotz akuter Trockenheit spart man jedoch nirgends an Wasser oder Strom. Medizinische Versorgung und Erziehungswesen sind staatlich geregelt und kostenlos. Die Ärzte und Lehrer verdienen jedoch sehr wenig, zwischen einem und drei Dollar (CUC) pro Tag. Viele verlegen sich auf die lukrative Tourismusbranche. Die neue Mittelschicht besteht daher nicht aus Beamten oder Hochgebildeten sondern aus Autobesitzern und Taxifahrern. Die casas particulares sprießen wie Pilze aus dem Boden. Wohnraum gibt’s genug und im Zweifelsfall vermietet man das eigene Schlafzimmer und zieht zu Verwandten. Je nach Weltlage dreht jedoch die Regierung der mittlerweile achtzigjährigen ehemaligen Revolutionäre die unternehmerische Freiheitsschraube auf oder zu. Man weiß nie, was kommt. Infolge der Implosion der Sowjetunion fehlte es an der gewohnten und lebensnotwendigen Unterstützung aus dem Ausland. So kam es Mitte der neunziger Jahren zu einem Prozess der Öffnung gegenüber dem kapitalistischen Westen. Auch die Religion trat aus den Katakomben wieder ans Licht. Afrokubanische Kulte erstarkten besonders. Die fehlenden Phosphate für den Kunstdünger führten zu einer forcierten Wende zum ökologischen Landbau. Zufallsprodukt der wirtschaftlichen Misere sind die letzten gesunden Korallenbänke der Karibik.

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Eindrücke vom Abendspaziergang von Santos Suarez zurück nach Alt-Havanna.

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IMG_4297IMG_4298 IMG_4299 IMG_4300 IMG_4301 IMG_4303 IMG_4304Wir gingen zu Fuß nach Alt-Havanna zurück, wo wir zunächst einem der ortsüblichen Trickbetrügereien zum Opfer fielen. Wir wurden schon vor Antritt unserer Reise davor gewarnt, waren aber neugierig zu sehen, wie so etwas ablief. Wir ließen uns in ein Lokal führen, wo wir für uns und das junge kubanische Paar zur Erinnerung an Compay Segundo einen angeblich kostenlosen Drink bestellten. Was man uns servierte war ein wässeriger Orangensaft. Die anfänglich gesprächigen und charmanten Kubaner verloren so langsam das Interesse. Unser Gespräch drehte sich im Kreis. Die Konzentration ließ nach. Als uns die völlig überteuerte Rechnung präsentiert wurde, taten unsere Freunde, die angeblich außerdem ihr Jubiläum feierten, überrascht und leugneten ab, sie hätten irgendetwas damit zu tun. („We don’t work here.“) Ich legte statt des verlangten Betrages von 24 CUC (ungefähr 17 Euro) zwei konvertible Peso Münzen auf den Tisch. Miriam verabschiedete sich auf Spanisch mit „Ihr solltet euch was schämen.“ Der Barmann rief uns zwar noch protestierend hinterher aber niemand hielt uns auf, und so setzten wir unseren Spaziergang eilig fort. Ziel des Abends war El Chanchullero, eine bekannte Kneipe, in der das Essen gut und billig und die Drinks nicht verdünnt seien. Nach langem Anstehen und Unterhaltung mit den anderen Touristen, die mit uns in der Schlange standen, teilten wir einen Tisch mit drei jungen Männern aus Australien, die zeitweise miteinander reisten. Einer lebte in Equador und arbeitete als kriminologischer Ausbilder in Quito, die beiden anderen waren Buchhalter in einer großen australischen Firma für finanzielle Dienste und unternahmen gemeinsam eine Weltreise.IMG_4309 IMG_4310 IMG_4311 IMG_4312 IMG_4313 IMG_4314

Dritter Tag, Morgens. Noch bei Sra. Maria (Ein Nachtrag)

Internetprobleme am Abend. Heute morgen die Diskussion mit der Gastgeberin, was wir hätten machen sollen, damit die tarjetica nicht nutzlos ablief. Inzwischen ist klar, dass wir für die ganze Wohnung den Zugang kaufen. Wenn es für uns nicht funktioniert, muss es zentral ausgeschaltet werden, sonst läuft es zwar für uns nutzlos ab, wer am PC sitzt surft aber ohne Probleme weiter. Wieder was gelernt. Miriam nun im Netz mit unserem Kompi und ich schreibe auf Papier.

Aufgeweckt mit der dringenden Bitte, in Matanzas anzurufen und zu klären, ob wir überhaupt dort hin wollen. Improvisieren ist schwierig. Wir sind offenbar zu anspruchsvoll (zu alt? zu verwöhnt? verunsichert?) um einfach so in den Tag zu leben und uns an dem zu freuen, was so gerade läuft. Wir erleben gute Zufälle (rumsitzen und warten wird zum anthropologisch interessanten und menschlich wertvollen Moment). Aber wir können uns nicht einfach dem Zufall überlassen. Planen ätzt. Wir machen das seit einem Jahr und mittlerweile täglich. Es wird aber auch mit der Zeit einfacher, problemloser, konfliktärmer. Wir haben uns daran und aneinander gewöhnt. Nach dreißig Jahren lernen wir uns noch einmal besser kennen. Miteinander reisen können ist Glück.

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Blick vom Dach der Herberge “Dos Bertos” auf der Avenida Neptuno.

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Gestern Abend Gespräch mit Dayan, Freund der rührigen Tanya Abraham, die wir über Lanfranco Aceti, einem Kunstmanager in Boston, kennengelernt haben und die uns äußerst hilfreiche Kontakte vermittelt hat. Auf Dayan in Alt-Havanna wartend hatten wir Zeit, an der Straße zu sitzen und Leute zu beobachten.

Etwa die alte Dame, die uns anbettelte. Sie ist offenbar gut in der Nachbarschaft (Teniente Rey/Brasil, zwischen Aguiar und Habana) bekannt. Sie winkte oder rief manchen Passanten zu, die auch freundlich antworteten. Sie setzte sich zu uns auf die Steinbank und gab Miriam den typisch kubanischen Wangenkuss (nur eine Wange, normalweise die rechte) bevor sie uns eröffnete, dass ihr nichts geblieben sei, die Einleitung zum persönlichen Fundraising. Um sich der etwas zu vertraulichen Dame zu entziehen ging Miriam spontan auf die Dame zu, die mit ihrem Hund gerade aus der casa gegenüber gekommen war, sprach sie an und ließ sich die Wohnung zeigen. Mittlerweile widmete sich die alte Dame zu meiner linken meiner Wenigkeit. Sie hatte mir schon einen Peso und einen zahnlosen Schluck aus der Wasserflasche abgerungen, da rief mich Miriam von oben. Ich solle heraufkommen und mir die Wohnung ansehen. Sie wird von zwei älteren unverheirateten Schwestern geführt, die in dem Haus aufgewachsen sind. Lebensklug, humorvoll, gelassen, die eine etwas mehr tough geschäftstüchtig als die andere. Sie haben auch ein häßliches und schmusebedürftiges Hundefräulein. Vor unserer Abreise einigten wir uns noch mit den beiden Damen. Wir werden dort mit Rachel wohnen, wenn sie uns Mitte Juni in Havanna besucht. Sicher ist sicher.

Noch ein Erlebnis war der Junge, ungefähr zehn oder elf, der auf der Straße vor Dayans Wohnung mit Stöcken spielte und sich ein Katapult gebaut hatte, mit dem er ein Gummistück hoch in die Luft schleudern konnte. Wir versuchten zu raten, zu welchem Haus er gehörte, was nicht klar war, denn er rief hier und dort hinein oder hinauf, ging hier und dort hinein und kam wieder heraus und spielte weiter. Irgendwann wurde er auf uns aufmerksam. Er amüsierte sich über die seltsamen Leute, die vor einer offenen Tür auf dem Randstein saßen und nicht hineingingen.

Dayan, schlank und künstlerisch drei-Tage-bärtig , gepflegt mit intellektueller Brille, ist Restaurateur. Gato Prieto, das wir am Abend zuvor geschlossen fanden, ist sein Lokal, das er mit seinem Lebenspartner, einem Spanier, gegründet hatte. Leider lief das Geschäft nicht so gut. Vielleicht war es die Lage, aber vermutlich hatte es noch andere Gründe. Während Gato Prieto zum Umbau geschlossen ist bauen sie gleichzeitig das Haus seiner Mutter in Centro Habana um, um dort ein zweites Lokal zu eröffnen. Z.Zt. ist der Freund allerdings in Spanien und Dayan wohnt bei seiner Mutter. In Alt-Havanna haben sie noch eine Wohnung, die ebenfalls gerade renoviert wird. Jetzt oder nie, meinte er, obwohl er nicht vom Erfolg seiner Unternehmen überzeugt war. Die Lage sei zwar nicht völlig aussichtslos, aber der große Aufschwung, den die privatwirtschaftlichen und unternehmerischen Erleichterungen der letzten Jahre versprachen, sei bislang ausgeblieben. Uns blieb der Eindruck von Verunsicherung.

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Gato Prieto in Vedado. Zum Umbau geschlossen.

15. Mai (Fortsetzung)

Heute morgen (Montag) dann Frühstück, nicht in der casa particular, wo Maria uns freundlicherweise einen Kaffee (gratis) servierte, sondern auf der La Zanja. Erst gingen wir zu der kleinen Stube, die uns gestern so gefallen hatte. Dort hatten sie zwar Eier für ein Omelette, aber weder Brot noch Gemüse. So schickte uns die Chefin über die Straße zu einer ähnlichen kleinen Cafeteria, wo uns sehr freundlich geholfen wurde. Wir bekamen Spiegelei, Omelette, einen Teller mit Streifen von grünem Salat und Weißkohl (col), den wir mit Essig und Salz nachwürzten. Dazu gab es ein weiches Brötchen. Insgesamt nicht schlecht, frisch und so ziemlich was wir erwartet hatten. Der klitzekleine Kaffee war ausgezeichnet, Bedienung wirklich lieb, und der Preis ungefähr die Hälfte von dem was wir in der Touristenabsteige gegenüber am Tag zuvor bezahlt hatten. Die Preise waren hier in Nationalpesos angegeben. Die Bedienung rechnete unsere Zeche in Touristenpesos um und ging zur Nachbarin um unser Wechselgeld zu holen. Wir fragten sie noch nach der nächsten Bank, und sie schickte uns dann mit einem „Felicitaciones“ auf den Weg. Das überraschte uns. Wir verstanden nicht, wozu sie uns gratulierte. Vielleicht war es der Muttertag. Ich spekulierte, dass sie mithilfe der Santeria in unsere Herzen geschaut und dort entdeckt hatte, dass wir eine beträchtliche Hürde genommen hatten. Wir waren nicht mehr so durcheinander wie am Morgen, als wir unausgeschlafen und ernüchtert mit dem Gefühl aufgewacht waren, nicht mehr zu wissen, was wir hier eigentlich wollten. Anders als in Indien hatten wir hier niemanden, der uns an die Hand nahm und sich um alles kümmerte. Wir fühlten uns von der Verantwortung für unsere eigene Zufriedenheit überwältigt. Dann waren wir in dieser kleinen Enklave menschlich reicher Beziehungen gelandet, in der man miteinander großzügig und freundlich umging und einander aushalf. Wir bezahlten einheimische Preise und fühlten uns nicht mehr bloß als wandernde Dollarscheine. Havanna hatte uns die Tür einen Spalt geöffnet und uns ein anderes Gesicht gezeigt. Vielleicht deshalb die „felicitaciones“: Glückwunsch! Ihr seid angekommen.

El Centro de Habana, zwischen Altstadt und Vedado, hat – auf den zweiten Blick –eine unglaublich vielfältige Architektur. Die Gebäude sind zum großen Teil bewohnt, zum Teil neu renoviert, zum Teil billig und geschmacklos aufrechterhalten und umgebaut. Dazwischen gibt es unbewohnte Ruinen. So ein wenig wie Berlin vor der Wiedervereinigung.

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Die Türen und Fenster sind vielfach offen und man sieht das häusliche Treiben in den Eingängen und Höfen. Menschen lehnen sich aus ihren Fenstern und über ihre Balkone und schauen auf die z. T. engen Straßen herab, in denen Menschen jeden Alters, Geschlechts und Hautfarbe herumlaufen, stehen oder sitzen, allein oder in Gruppen. Trotzdem kommt es einem irgendwie leer vor. Die Straßen, Gehwege und Rinnen sind gekehrt. Müll sammelt sich oft an den Straßenecken an, bevor er auf einen Laster geschaufelt und abgekarrt wird. Es sieht dennoch alles reingefegt aus, ohne deshalb sauber zu sein. Mehr wie eine Abwesenheit, dessen was man angesichts der allgemeinen Armut erwarten würde. Es liegt aber wenig herum. Keine Plastiktüten oder Bananenschalen. Irgendwie leer. Es gibt kaum Straßenhunde und natürlich laufen hier die Kühe nicht wie in Indien frei herum. Wir hören ab und zu einen Hahn krähen. Überall gibt es Alkohol zu kaufen und man trinkt hier auf der offenen Straße. Heute Morgen sahen wir in einem Eingang einen Betrunkenen, der auf einer Treppe ausgebreitet seinen Rausch ausschlief. Es ist ein bisschen wie in der anti-kommunistischen Fabel von der Animal Farm. In den runtergekommenen Häusern der vertriebenen unternehmerischen Mittelschicht wohnen Leute, die die Häuser nicht gebaut haben und von denen die meisten kein Geld haben, um diese bürgerlichen Häuser stilgemäß instand zu halten oder sie standesgemäß zu möblieren. Eine Gesellschaft von unterprivilegierten Hausbesetzern. Alles scheint irgendwie im Wartezustand. Mittlerweile geht das Leben weiter. Die Leute kommen mehr schlecht als recht zurecht. Es fehlt an allem. Wohl denen, die von ihren Verwandten im Ausland unterstützt werden.

Plaza Vieja. Mitte rechts: David Guerra aus Boston und Miriam.

Am Nachmittag trafen wir uns mit David Guerra, Exilkubaner, Rechtsanwalt und nebenberuflicher Kurator in Boston. Unser Treffpunkt war ein Brauereiausschank auf der Plaza Vieja, im elegant renovierten östlichen und ältesten Teil der Altstadt. David hatte seinerzeit zwischen Harvard und Kuba wählen müssen und durfte wegen seiner Entscheidung für Harvard sieben Jahre nicht in sein Heimatland zurückkehren. Als Einzelkind fühlte er sich seiner Mutter gegenüber jahrelang besonders schuldig. Vielleicht bemüht er sich deshalb so rührig um den amerikanisch-kubanischen Kulturaustausch. David beantwortete geduldig unsere z. T. sehr allgemeinen Fragen über die kubanischen Verhältnisse und gab uns etliche konkrete Empfehlungen. Er sprach von den Bemühungen der kubanischen Regierung um den Erhalt und den Wiederaufbau des ältesten Stadtteils von Havanna. Er betonte dabei, dass die Regierung sich darum bemühe, die Bewohner dieses Stadtteils nicht zu vertreiben. Dieselben Leute ziehen nach der Renovierung wieder in dieselben Wohnungen ein und ihre Kinder besuchen weiterhin dieselben Schulen. So soll Alt-Havanna eine lebende Stadt bleiben. Wie wir später bemerkten, bezieht sich diese lobenswerte und kostspielige Initiative nur auf den touristisch erschlossenen Teil Alt-Havannas, nicht auf den ärmeren Stadtbezirk, der sich südwestlich an die Altstadt anschließt. Die Regierung nimmt die Mittel für ihre aufwendigen Renovations- und Neubauprojekte aus der z. T. direkt betriebenen, z.T. indirekt besteuerten Tourismusindustrie. Der Tourismus ist die Hauptquelle für das devisenarme Land. Ohne Hilfe aus dem Ausland können weder die Kubaner noch der kubanische Staat wirtschaftlich überleben. Seit dem Fall der Sowjetunion fehlt es an zuverlässiger ausländischer Beihilfe für den Staat. Das Chaos in Venezuela, von dessen Erdöllieferungen Kuba abhängig ist, hat ebenfalls unmittelbare Folgen. Die Planwirtschaft funktioniert hier ebenso schlecht wie in anderen sozialistischen Ländern. Das z. T. immer noch anhaltende US Embargo, die ungeklärte politische Zukunft, aber vor allem der Mangel an Devisen hindert Investoren aus dem Ausland, sich ernsthaft in Kuba zu engagieren. In der Zwischenzeit florieren die grauen Märkte. Durch den Tourismus und die damit verbundene zweite Währung, der CUC oder konvertible Peso (divisas), entsteht eine neue Mittelschicht. Ein Taxiunternehmer verdient hier das Vielfache eines Universitätslehrers oder eines Neurologen.

15. Mai, Nachtrag

Im Telekommunikationsmuseum auf der La Zanja (nähe Chinator; Chinesen stellten einen statistisch zu Buche schlagenden Anteil an der vor-revolutionären Bevölkerung Kubas dar) gab es eine Etecsa Verkaufsstelle, wo wir eine Telefonkarte für unser indisches Telefon erwerben konnten. Die Karte ist gut für fast ein Jahr, viel länger als wir sie brauchen. Ein gutaussehender dunkelhäutiger Mann mittleren Alters mit Fahrradtaxi (bici) – muskulös, kenntnisreich, und rednerisch begabt – bot an, uns die Stadt zu zeigen. Wir unterhielten uns eine Weile, lehnten schließlich dankend ab, schrieben aber für alle Fälle seinen Namen und seine Adresse auf. Vielleicht nehmen wir ihn später noch in Anspruch. (Dazu kam es nicht.)

Gestern sind wir noch viel und lange gelaufen: Habana Vieja, Malecon, Vedado. Am Ende nahmen wir ein Taxi nach Hause, einen himmelblauen Bel Air, ca. 1956, mit Dieselmotor und wer weiß was für einem Fahrgestell. Die Federung dieser alten Straßenkreuzer besteht oft nur aus purer Einbildung und Fensterheber dienen oft nur zur Zier. Die Türen lässt man am besten von den Fahrern öffnen und schließen.

Unterwegs nach Alt-Havanna setzten wir uns in einem Park in der Nähe des Vorzeigehotels Inglaterra und dem Palacio für einen Moment in den Schatten. Dort sprach uns ein älteres Ehepaar freundlich an, die sich als Zeugen Jehovas vorstellten. Der Herr verwickelte Miriam in ein Gespräch über Kanada, das er wohl früher gelegentlich besucht hatte. Dann bat er uns um einen Kugelschreiber (boli, kurz für boligrafo) für seine Frau, weil doch gerade Muttertag sei. Die Dame saß daneben und lächelte charmant. Ich holte einen Stift aus dem Rucksack, aber er wollte gerne noch einen zweiten, für sich selbst. Wir hatten schon vorher davon gehört, dass es Sinn mache, Kugelschreiber und mechanische Bleistifte mitzubringen. Kleine aber hier schlecht zu bekommene Gegenstände lassen sich gut tauschen und verkaufen. Ein so trivialer Gegenstand des täglichen Lebens wie ein Gasfeuerzeug aus Plastik wird hier nicht etwa weg geworfen, wenn es leer ist, sondern nachgefüllt und gegebenenfalls repariert, auch wenn das vom Hersteller so nicht vorgesehen ist.

In Alt-Havanna hatte man uns die Mojitos in der Bodegita del Medio empfohlen. Die Aussicht auf das Getränk trieb uns voran. Vor der Bodegita fanden wir eine große Ansammlung von Touristen. Die Bar ist berühmt wegen Hemingway, der überall in Kuba bekannt ist und wegen seiner Sympathie für Kuba und die Revolution zum Inventar der ubiquitären Propaganda gehört. Die Zeit scheint hier wie stehengeblieben.

Wir schauten uns im Barraum um, zu dem uns ein riesenhafter Rausschmeißer den Weg gewiesen hatte. Eine Musikgruppe machte gerade Pause, während der Barmann eine Reihe von Mojitos zubereitete und etliche eisgekühlte Bierflaschen aus einem altmodisch holzgetäfelten Kühlschrank holte. Das machte uns Lust auf Bier, wozu wir Hemingway nicht brauchten. Wir machten uns auf die Suche nach einer weniger überlaufenen und besser belüfteten Gaststätte, die wir nach einigem Herumgelaufe im Café Paris fanden. Dorthin zogen uns die Klänge einer ersten von unzähligen Buena Vista cover bands. Miriam bestellte den obligatorischen Mojito und ich eine Cerveza El Presidente; importiert, denn das einheimische Crystal war ihnen ausgegangen. Wir tranken beide von beidem und freuten uns auf die Musik. Die Musiker machten  zunächst eine Pause. Nach einer Weile ging es noch einmal los. Gute Stimmung. Die Kellner in ihren Guayaveras sangen mit. Ein begeisterter Kubaner, dunkelhäutig, arm und betrunken, sang von der Tür aus begeistert mit. Dem setzte ein hühnenhafter Rausschmeißer ein Ende. Wir hörten noch ein wenig zu und brachen dann auf, zurück zum Quartier. Der angekündigte Regen brach erst los als wir dort ankamen. Zeit zum Ausruhen.

Wir zogen nach fünf wieder los, genossen den Sonnenuntergang am Malecon, wo wir lange einem Paar von Pelikanen zusahen, die sich abwechselnd auf ihre wässrige Beute stürzten und dann wieder eine Weile ihre Federn in der Sonne trockneten. IMG_4211 Wir suchten nach einem Restaurant in Vedado, das uns jemand empfohlen hatte. Gato Prieto war jedoch geschlossen. Das machte nichts, denn wir hatten noch eine andere Empfehlung, am anderen Ende von Vedado und wir hatten unser Telefon. Zur Orientierung benutzten wir „Maps.me“, eine großartige Erfindung, die uns auch ohne Internet auf dem Stadtplan ortet und das uns schon in Indien das Zurechtfinden erleichtert hatte. Mit dem Telefonieren klappte es nicht gleich, aber ein paar freundliche junge Leute halfen uns aus. Das half auch unserer Laune, denn mittlerweile war es halb acht und wir hatten lange nichts gegessen und der Weg zum El Cocinero war beträchtlich. Wir gingen die Calle 13 bis ans andere Ende, eine Distanz von ungefähr fünfundzwanzig quadras oder Querstraßen, die uns durch ein elegantes Villenviertel führte, in der sich auch die mit Stacheldraht gesicherte Residenz des deutschen Botschafters befand. El Cocinero ist in einem umgebauten Fabrikgebäude untergebracht. Wir warteten geduldig, bis wir an die Reihe kamen, um hineingelassen und bewirtet zu werden. Nachdem der erste Durst gestillt war, sahen wir uns genauer um. Das Restaurant ist elegant, blitzsauber und modern gestaltet, das Essen nicht besonders teuer und z. T. sehr gut. Zum Beispiel fiel bei den Rippchen das saftige Fleisch nur so von den Knochen. Aber die ganze Sache hätte auch in Los Angeles oder Miami sein können. Es fehlte das kubanische Flair. Im Stil generisch, international. Gesättigt, müde und trotzdem zufrieden fuhren wir aus dem eleganten Vedado gegen Mitternacht in jenem Bel Air zurück ins heruntergekommene Zentral-Havanna. Die Nacht war laut und schwül. Gegenüber von unserem Balkon auf der Calle Lealtad hatte jemand den Fernseher auf Nachbarschaftsnervlautstärke gedreht und schaute sich mehrfach einen alten amerikanischen film noir an, in dem die spätromantisch angehauchte Filmmusik ominös Todessehnsucht suggerierte und das erotische Atmen der Hauptdarstellerin sich wiederholt in einer Kadenz von Angstschreien entlud. Das letzte Mal, dass mich diese Sequenz aufweckte war gegen 2:45. Miriam schlief überhaupt nicht. Manchmal stand sie am Balkon und zeichnete, manchmal lag sie im Gästebett und las, manchmal war sie überhaupt nicht im Zimmer. Es war das Zahnweh, das ihr den Schlaf raubte; eine lange Geschichte, die trotz Behandlungen in Kerala und Boston offenbar noch nicht zu Ende ist.) So endete der erste und begann der zweite Tag.